SM-Story: Nix am Hut

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Plötzlich steht er vor mir, inmitten der Fetischpartygesellschaft, Samstagnacht um elf.
Unvorbereitet darauf war ich. Ich hatte ihn einige Tage vorher kennen gelernt, war noch eher flüchtig bekannt mit ihm.
Ich wollte mir mal anschauen, wo du dich so rumtreibst, sagt er mir, als ich ihn leicht erschrocken fragte, was er denn hier wolle.
Ich will mir mal deine kleine Welt anschauen, spricht er weiter, sieht mich dabei freundlich an. Ich komme mir komisch vor dabei. Ist das meine kleine Welt? Ja, irgendwie schon.
Die Party füllt sich, wir uns auch. Mit Tequila. Zwei mal braun. Ohne Zimt. Ich fühl’ mich merkwürdig. Er erscheint mir wie ein Außerirdischer in seiner unbedarften Aufgeschlossenheit, mit seinem schicken Anzug inmitten unter den andern Halbnackten.
Ich versuche, mich mit seinen Augen zu sehen. Was für einen Eindruck muss das ganze Treiben auf ihn machen, der bis dahin nie dergleichen gesehen hat? Was für einen Eindruck muss ich wohl auf ihn machen? Und: wieso interessiert mich das eigentlich, was ich für einen Eindruck mache? Wieso bin ich trotz Heimvorteil urplötzlich so nervös?
Ich verlasse mich auf mein Selbstbewusstsein und meine vermeintliche Schauspielkunst, in der Hoffnung, souverän zu wirken. Ich fürchte, es gelingt mir nicht wirklich.
Soll ich dir mal unseren Keller mit den Spielmöglichkeiten zeigen? frag’ ich ihn.
Ja gerne.
Scheiße, denk ich, er will es tatsächlich wissen.
Ich voran, Heimvorteil und so, hinunter die schmalen Treppen, er dicht hinter mir.
Ich spule meinen Standardtext ab, den ich schon hundert mal benutzt habe, wenn ich neue Gäste durch unsere Räume führe. Diese Routine gibt mir für einen Moment wieder meine gewohnte Sicherheit zurück.
Der Keller ist noch leer, die Samstagnacht noch recht jung.
Das hier ist das Andreaskreuz, hier der Strafbock, dort die Streckbank.
Wie bescheuert bin ich eigentlich, denke ich bei mir.
Ich fühle mich wie eine Fremdenführerin und Touristenschickse auf einer SM-City-Tour.
Schade, dass man durch den Keller nicht mit einem Bus fahren kann und ich kein Mikro in der Hand halte dabei, dann wär’ es ‘ne perfekte Parodie auf mich selbst.
Er schaut sich alles an. Aus seinem Gesicht kann ich nicht das Geringste herauslesen.
Ist er interessiert? Angewidert? Amüsiert? Wirke ich nicht vollkommen bescheuert?
Endlich sagt er etwas. Wozu braucht man einen Strafbock, will er wissen.
Tja also, beginne ich mein Mini-SM-Referat, man wird darüber gelegt und bekommt den Arsch voll, wenn man nicht artig war, versuche ich so locker wie möglich zu erklären.
Herrgottnochmal, ist das alles irgendwie peinlich. Mir, mir ist es peinlich, wo ich doch sonst die Mrs.-Abgeklärtheit herself bin. Ich, die nie um einen doofen Spruch verlegen ist, die nie etwas aus der Fassung bringt und die sich für super erfahren hält, mit allen Wassern gewaschen und dreimal chemisch gereinigt. Mindestens.
Und mich macht sowas nervös?
Egal. Gekonnt überspielt. Einfach weiter reden.
Ja weißt du, plappere ich weiter, manche Herren ziehen eben hier ihre Bestrafungsrituale durch, die Damen scheinen es zu genießen.
Er sieht mich an. Aha. Sagt er.
Ich gehe langsam weiter durch den kleinen Raum, zeige ihm noch Gynstuhl, die Sitzecke, die Nasszelle. Hier wird es richtig schlimm, befürchte ich.
Er stellt keine Fragen. Danke, lieber Gott!
Die ersten Partygäste kommen nach unten, ich begrüße einige und wir gehen wieder zusammen nach oben. An die Bar. Ich fühle mich sicher. Wieder.
Noch zwei Tequila. Er sieht mich immer nur an. Wieso sagt er nichts? Vermutlich beschließt er in diesem Moment, dass ich keine Frau bin, die er gerne näher kennen lernen wollen würde, befürchte ich. Ich merke, dass mir dieser Gedanke missfällt.

Ich bin froh, dass du nicht mit nackten Brüsten und nur mit Slip und Stahlketten bekleidet hier rumläufst, sagt er unvermittelt zu mir, es würde nicht zu dir passen.
Äh, ja danke. Stimmt.
Ein Kompliment?
Ich glaube schon, jedenfalls verbuche ich es als solches.

Und ich, ich werde hier sicher nie mit blanken Arschbacken in Chaps rumstehen, sagt er weiter. Ich hab’ nämlich mit dem Fetischscheiß und dem ganzen SM-Kram nix am Hut.
Tschakka, denke ich, immerhin zieht er in Erwägung, noch einmal hierher zu kommen, ich freue mich. Sehr.
Genügt dir mein schwarzer Anzug und das schwarze Hemd, fragt er mich?
Ja natürlich, höre ich mich nüchtern antworten, während ich mir denke, wie unverschämt geil er aussieht und dass mich die Haare auf seiner Brust schrecklich anmachen. Ein Mann.
Ein echter Mann.

Drei Monate später, same time, same place, im Keller, Sitzgruppe.
Mir tun die Rippen weh, mein Arsch brennt, Frisur hab ich schon seit Stunden keine nennenswerte mehr, Lippenstift ist sowieso Geschichte und blaue Flecken zählen tu ich schon lange nicht mehr, seit ich mit ihm zusammen bin.

Er schaut rüber in Richtung Strafbock und Streckbank und sagt zu mir – trocken –
also mit eurem scheiß SM hab ich wirklich nix am Hut.
Der Mann ist so gut…

4 Gedanken zu „SM-Story: Nix am Hut“

  1. Da schließe ich mich gerne an – als ob man dabei gewesen wäre. Vielen Dank dafür ;-)
    Liebe Grüße

  2. Eine sehr schöne Kurzgeschichte. Fast bekannt vorkommende Momentbeschreibungen einer Party, klasse Wortwahl. Ich fühle mich wie in die Geschichte hineingezogen.

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